Deep Tech ist Deutschlands natürliches Terrain: Physik, Präzisionsfertigung und ingenieurwissenschaftliche Tiefe waren immer die Stärke des Standorts – auch wenn die Softwarebranche jahrelang die Schlagzeilen dominierte. 2026 kehrt sich das Verhältnis um. Reindustrialisierung, technologische Souveränität und die wachsende Erkenntnis, dass Software allein weder Verteidigung noch Energiewende noch industrielle Wettbewerbsfähigkeit sichern kann, treiben Kapital und Aufmerksamkeit zurück in die Hardware.

Das deutsche Deep-Tech-Ökosystem 2026 ist bemerkenswert breit aufgestellt: Raumfahrt, Quantencomputing, kognitive Robotik, Photonik, Halbleitertechnologie, Verteidigungstech und Fusionsenergie – in jedem dieser Felder stehen deutsche Start-ups in der europäischen Spitzengruppe. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer einzigartigen Kombination aus Forschungsdichte, Industrienähe und – zunehmend – der richtigen Kapitalstrukturen.


Die wichtigsten Deep-Tech-Start-ups im Überblick

Startup

Sitz

Segment

Kernprodukt & Status

Isar Aerospace

München

Raumfahrt / Launch

Orbitalraketen für europäische Satellitendeployments. 155 Mio. Euro Series C (2023). Einer der drei vielversprechendsten europäischen Launcher neben Rocket Factory Augsburg und dem französischen MaiaSpace. Ziel: souveräne europäische Startkompetenz unabhängig von SpaceX.

Helsing

München/Berlin

Verteidigungs-KI

KI-Plattform für militärische Entscheidungsunterstützung und Aufklärung. 450 Mio. Euro Finanzierung (2024). Europas höchstfinanziertes Defense-Tech-Start-up. Repräsentiert den fundamentalen Wandel: Europa baut erstmals eigene souveräne Verteidigungstechnologie statt US-Systeme einzukaufen.

NEURA Robotics

Metzingen

Kognitive Robotik

KI-fähige Cobots und humanoide Roboter für Industrie und Service. Kognitive Wahrnehmung ermöglicht autonome Anpassung an veränderte Aufgaben. Deutschlands ambitioniertester Embodied-AI-Player im globalen Wettbewerb mit Figure, Tesla Bot und 1X.

Agile Robots

München

Präzisionsrobotik

KI-getriebene Präzisionsroboter für Industrie und medizinnahe Anwendungen. 220 Mio. Dollar Series C (2023). Skaliert deutsche Präzisionstechnik auf globale Märkte. Differenzierung durch Kombination von Force-Sensing, Computer Vision und ML.

IQM Quantum Computers

München

Quantencomputing

Supraleitende Quantencomputer. 128 Mio. Euro Finanzierung (2022). Mehrere europäische Installationen. Einer der sichtbarsten Quantum-Hardware-Hersteller Europas mit deutschem Footprint und finnischer Forschungsbasis.

Q.ANT

Stuttgart

Photonik / Quantensensorik

Photonische Prozessoren und Quantensensoren aus dem TRUMPF-Ökosystem. 62 Mio. Euro Series A (2025). Industrienaher Ansatz: Direkter Zugang zu Präzisionsfertigungs-Know-how und optischer Technologie.

planqc

München

Quantencomputing

Neutralatom-Quantencomputer auf Basis optischer Gitter. MPQ-Spin-off. Ergänzt Deutschlands Quantum-Hardware-Diversität: Neben supraleitenden (IQM) und photonischen (Q.ANT) Ansätzen eine dritte Technologielinie.

OroraTech

München

Earth Observation / Klima

Thermale Infrarot-Satellitenkonstellationen für Waldbrand-Früherkennung. 25 Mio. Euro Series B (2024). Duale Anwendung: Katastrophenschutz und Versicherungsintelligenz. Einer der klarsten kommerziellen Use Cases im New-Space-Segment.

Constellr

Freiburg

Earth Observation / Klima

Thermale Erdbeobachtung für Landwirtschaft, Wasser- und Stadtklima-Monitoring. Strategische Geospatial-Klimadaten aus deutscher Entwicklung. Ergänzt OroraTech im EO-Segment mit Fokus auf Agrar- und Umweltanwendungen.

Mynaric

München

Laserkommunikation / Raumfahrt

Optische Inter-Satelliten-Kommunikationsterminals. NASDAQ-gelistet, Serienproduktion läuft. Kritische Infrastruktur für die nächste Generation von Satellitenkonstellationen und verteidigungsrelevante Kommunikationsnetze.

Wandelbots

Dresden

Robotik-Software

No-Code-Plattform für markenübergreifende Roboterprogrammierung. 84 Mio. Dollar Series C (2022). Senkt die Einstiegshürde für Fabrikautomatisierung: Statt Wochen Programmieraufwand pro Roboter ermöglicht die Plattform Konfiguration in Stunden.

Black Semiconductor

Aachen

Halbleiter / Graphen

Graphen-basierte Chip-Interconnects für schnellere und effizientere Halbleiterkommunikation. Adressiert einen strukturellen Engpass der Halbleiterskalierung: Die Verbindungen zwischen Transistoren werden zum Flaschenhals. Signifikante öffentliche und private Förderung.

Celus

München

Elektronik-Automatisierung

KI-gestützte Automatisierung von Elektronik-Design-Workflows. 25 Mio. Euro Series A (2024). Beschleunigt Hardware-Entwicklungszyklen in Europas Elektronikbasis – von Anforderungen bis zur Implementierung.

Marvel Fusion

München

Fusionsenergie

Laserbasierte Fusionssysteme. 35 Mio. Euro+ Finanzierung. Langfristigste aller Deep-Tech-Wetten: Wenn Laser-Fusion funktioniert, ist die Energiefrage gelöst. Deutschland bleibt durch Marvel Fusion im globalen Fusions-Kommerzialisierungswettbewerb präsent.


Warum der Markt 2026 kippt

Deep Tech galt im europäischen VC-Markt lange als zu langsam, zu kapitalintensiv und zu riskant. Vier Entwicklungen haben diese Wahrnehmung fundamental verändert:

  • Technologische Souveränität als politische Priorität: Chinas Aufstieg in der Halbleiterfertigung, Russlands Krieg gegen die Ukraine und die Abhängigkeit von US-Technologie in Verteidigung und Raumfahrt haben Europa wachgerüttelt. Souveräne Fähigkeiten in Satellitenstarts (Isar Aerospace), Verteidigungssoftware (Helsing), Quantencomputing (IQM, planqc) und Halbleitern (Black Semiconductor) sind keine Luxusprojekte mehr, sondern geopolitische Notwendigkeiten. Das öffnet öffentliche und private Finanzierungsquellen, die vor 2022 undenkbar waren.
  • Reindustrialisierung und Hardware-Renaissance: Die COVID-Lieferkettenkrise und die Energiepreiskrise haben gezeigt, dass Europas Wohlstand auf industrieller Produktion basiert – und dass diese Basis erodieret. Die politische Antwort ist eine Reindustrialisierungsagenda, die Deep-Tech-Start-ups direkt begünstigt: EU Chips Act, European Space Strategy, Quantum Flagship, Verteidigungsfonds. Für Gründer bedeutet das: Der Staat kauft und fördert.
  • Patient Capital kommt nach Europa: Europäische VCs wie Earlybird, UVC Partners und La Famiglia investieren zunehmend in langfristige Hardware-Wetten. Gleichzeitig treten souveräne Investoren (NATO Innovation Fund, EIF, KfW Capital) als geduldige Kapitalgeber auf. Die Helsing-Runde (450 Mio. Euro) und die Sunfire-Finanzierung (500 Mio. Euro) zeigen: Deep Tech bekommt die Ticketgrößen, die es braucht.
  • Industriepartner als Erstanwender: Deutschlands größter struktureller Vorteil: Die Kunden sitzen nebenan. BMW testet Agile Robots, Deutsche Bahn nutzt KONUX, Lufthansa investiert in E-Fuels, die Bundeswehr evaluiert Helsing. Diese Industrie-Partnerschaften sind für Deep-Tech-Start-ups existenziell – sie validieren die Technologie, finanzieren die Entwicklung und schaffen Referenzen für die Skalierung.

Die sechs Schlüsselsegmente

Deutschlands Deep-Tech-Landschaft lässt sich in sechs Segmente aufteilen, die jeweils eigene Dynamiken, Zeithorizonte und Risikoprofile haben:

  • Raumfahrt & Earth Observation: Isar Aerospace (Launch), OroraTech und Constellr (EO-Satelliten), Mynaric (Laserkommunikation). München ist das europäische New-Space-Zentrum. Der Markt wird durch zwei Treiber beschleunigt: Souveräne Startkompetenz (politisch) und kommerzielle Datendienste (wirtschaftlich). OroraTech’s Waldbrand-Früherkennung zeigt den schnellsten Pfad zu Umsatz.
  • Robotik & Automatisierung: NEURA Robotics (kognitive Roboter), Agile Robots (Präzisionsrobotik), Wandelbots (No-Code-Programmierung). Drei verschiedene Ansätze, ein gemeinsamer Markt: die Automatisierung der Fertigung. Der Fachkräftemangel ist der stärkste Treiber. Die Kombination aus deutscher Maschinenbau-Tradition und KI-Fähigkeiten ist ein genuiner Standortvorteil.
  • Quantentechnologie: IQM (supraleitend), planqc (Neutralatome), Q.ANT (Photonik). Deutschland verfolgt bewusst eine Multi-Plattform-Strategie: Statt alles auf eine Qubit-Technologie zu setzen, werden drei parallele Ansätze gefördert. Die Bundesregierung hat über zwei Milliarden Euro für Quantentechnologie zugesagt. Kommerziell relevant wird Quantum erst in 5–10 Jahren – aber die Positionierung erfolgt jetzt.
  • Halbleiter & Photonik: Black Semiconductor (Graphen-Interconnects), Celus (Elektronik-Design-Automatisierung), Q.ANT (photonische Prozessoren). Der EU Chips Act treibt Investitionen in europäische Halbleitertechnologie. Black Semiconductor adressiert einen fundamentalen Engpass: Wenn Transistoren schneller werden, aber die Verbindungen nicht mithalten, limitiert die Kommunikation die Performance.
  • Verteidigungs-KI: Helsing ist der sichtbarste Vertreter eines völlig neuen Segments. Europas Verteidigungsausgaben steigen post-Ukraine massiv, und zum ersten Mal fließt ein signifikanter Anteil an Start-ups statt nur an klassische Rüstungskonzerne. Die 450-Mio.-Euro-Runde zeigt: Der Markt ist real, die Ticketgrößen sind da, und die politische Unterstützung ist beispiellos.
  • Fusionsenergie: Marvel Fusion ist Deutschlands Vertreter im globalen Fusions-Wettlauf. Der Zeithorizont ist der längste aller Deep-Tech-Segmente (15–25+ Jahre), aber das Marktpotenzial ist unbegrenzt. Die Frage ist nicht ob, sondern wann Fusion kommerziell funktioniert – und ob Europa dann eigene Player hat.

München als Deep-Tech-Hauptstadt Europas

Die regionale Konzentration ist auffällig: 10 der 14 vorgestellten Start-ups sitzen in oder um München. Das ist kein Zufall:

  • Forschungsinfrastruktur: TU München, Max-Planck-Institute (MPQ für planqc, MPE für Raumfahrt), Fraunhofer-Institute und DLR-Standorte bilden eine der dichtesten Forschungslandschaften Europas. Fast jedes der genannten Start-ups ist ein direkter oder indirekter Spin-off dieser Institutionen.
  • Industriepartner: Siemens, BMW, MTU Aero Engines, Airbus Defence, IABG, ESA/ESOC-Nähe – München bietet Erstanwender für praktisch jedes Deep-Tech-Segment. Die Nähe zu potenziellen Kunden und Partnern ist für Hardware-Start-ups entscheidend, weil Iteration ohne physische Nähe kaum möglich ist.
  • VC-Ökosystem: UVC Partners, Earlybird, TQ Ventures, Bayern Kapital und zunehmend internationale Investoren (General Catalyst, Lakestar) haben München als Deep-Tech-Hub erkannt. Die Ticketgrößen wachsen: Helsing (450 Mio.), Agile Robots (220 Mio.), Isar Aerospace (155 Mio.) sind europäische Referenzrunden.

Außerhalb Münchens sind Dresden (Wandelbots, Sachsens Halbleiter-Cluster), Stuttgart (Q.ANT, TRUMPF-Ökosystem), Aachen (Black Semiconductor, RWTH-Spin-offs) und Freiburg (Constellr, Fraunhofer ISE) relevante Standorte – jeweils mit spezifischen Forschungsstärken, die Cluster-Bildung ermöglichen.


Risiken und offene Fragen

Deep Tech ist per Definition riskanter als Software. Die spezifischen Herausforderungen:

  • Zeithorizont und Kapitalintensität: Deep-Tech-Start-ups brauchen 7–15 Jahre bis zum Exit, nicht 3–5. Die Entwicklungskosten für Hardware sind um Größenordnungen höher als für Software. Das erfordert geduldiges Kapital und Finanzierungsstrukturen, die über klassische VC-Zyklen hinausgehen. Nicht jeder Fond kann das leisten.
  • Skalierung von Hardware: Der Sprung von der funktionierenden Labordemo zur Serienproduktion ist der „Tal des Todes“ der Deep Tech. NEURA Robotics muss Roboter in Serie fertigen, Isar Aerospace muss Raketen zuverlässig starten, Sunfire muss Elektrolyseure in Gigawatt-Mengen liefern. Jeder dieser Skalierungsschritte birgt technische Risiken, die kein Businessplan vorhersagen kann.
  • US-Wettbewerb und Brain Drain: SpaceX, Google Quantum, Boston Dynamics, OpenAI – die US-Wettbewerber haben mehr Kapital, größere Märkte und aggressivere Rekrutierung. Der Brain Drain europäischer Top-Talente in die USA bleibt ein reales Risiko. Deutschlands Antwort muss in der Industrienähe und den spezifischen Anwendungsfeldern liegen, nicht im Versuch, Silicon Valley zu kopieren.
  • Regulatorische Unsicherheit: Der EU AI Act, Exportkontrollen, Dual-Use-Regulierung und Verteidigungsbeschaffungsregeln schaffen ein komplexes regulatorisches Umfeld. Für Helsing und Mynaric (Verteidigung), Black Semiconductor (Exportkontrolle) und IQM/planqc (Quantum-Exportbeschränkungen) ist Regulierung nicht nur Compliance, sondern strategische Rahmenbedingung.

Ausblick für Investoren

Deutschlands Deep-Tech-Landschaft bietet 2026 eine Breite und Tiefe, die in Europa einzigartig ist. Für Investoren ergeben sich vier strategische Ansätze:

  • Souveränitäts-Wetten: Helsing (Verteidigung), Isar Aerospace (Raumfahrt), IQM/planqc (Quantum) profitieren vom geopolitischen Paradigmenwechsel. Die öffentliche Finanzierung ist beispiellos, die politische Unterstützung parteiübergreifend. Das reduziert das Marktrisiko, erhöht aber die Abhängigkeit von staatlichen Beschaffungszyklen.
  • Automatisierungs-Plattformen: NEURA Robotics, Agile Robots und Wandelbots adressieren den größten strukturellen Treiber des deutschen Marktes: den Fachkräftemangel. Die Nachfrage ist nicht zyklisch, sondern demografisch determiniert. Die Frage ist: Wer schafft den Sprung zur Plattform, wer bleibt Nischenlösung?
  • Infrastruktur-Layer: Mynaric (Laserkommunikation), Black Semiconductor (Chip-Interconnects), Q.ANT (photonische Prozessoren), Celus (Elektronik-Design) bauen fundamentale Technologieschichten, auf denen andere aufbauen. Diese Investments sind langfristiger, aber potenziell stickier – wer den Standard setzt, profitiert exponentiell.
  • Klima-Infrastruktur: OroraTech und Constellr verbinden Deep Tech mit dem wachsenden Klimadaten-Markt. Waldbrand-Früherkennung und Agrar-Monitoring haben sofortige kommerzielle Anwendungen – mit der Option auf massive Skalierung, wenn die Satellitenkonstellationen stehen.

Deep Tech in Deutschland ist kein Hype-Spiel. Es ist ein langfristiger Infrastruktur-Build, getrieben von geopolitischer Notwendigkeit, industrieller Nachfrage und einer Forschungstiefe, die Europa sonst nirgends hat. Für Investoren, die in Dekaden denken statt in Quartalen, ist das einer der überzeugendsten Märkte der Welt.