Oliver Samwer – Mitgründer von Rocket Internet, Architekt hinter Zalando, HelloFresh und Delivery Hero – hat sich seit dem Börsen-Delisting 2020 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Heute agiert er als CEO einer privaten Beteiligungsgesellschaft, die über Global Founders Capital aus der eigenen Bilanz investiert. Sein Vermögen wird auf rund 1,5 Milliarden Euro geschätzt. Die Ära der aggressiven Klonfabrik ist vorbei – doch Samwers Einfluss auf das deutsche VC-Ökosystem wirkt bis heute nach.


Der Anfang: Drei Brüder und ein eBay-Klon

Die Geschichte beginnt Weihnachten 1998. Oliver (*1972, Köln), sein Bruder Marc und Alexander Samwer sitzen zusammen und diskutieren über eBay. Die Plattform ist in den USA ein Phänomen – aber in Deutschland noch nicht verfügbar. Die Brüder handeln schnell.

Im März 1999 geht Alando.de online – eine nahezu identische Kopie von eBay, zugeschnitten auf den deutschen Markt. Nur 100 Tage später verkaufen die Samwers an eBay selbst – für rund 43 Millionen US-Dollar. Oliver Samwer nannte den schnellen Verkauf später "wahrscheinlich den größten Fehler meiner Karriere". Die Lektion: Nicht zu früh verkaufen. Diese Erfahrung sollte sein gesamtes späteres Handeln prägen.

Es folgt Jamba! (2000) – ein Mobile-Content-Anbieter, bekannt für den Crazy-Frog-Klingelton – der 2004 für 273 Millionen Dollar an VeriSign verkauft wird.


Rocket Internet: Die Klonfabrik wird zum System

2007 gründet Oliver Samwer Rocket Internet – und macht das systematische Kopieren erfolgreicher US-Geschäftsmodelle zur Unternehmensstrategie. Das Prinzip: Bewährte digitale Geschäftsmodelle identifizieren, mit massivem Kapitaleinsatz in Schwellen- und Wachstumsmärkten ausrollen, schneller skalieren als das Original.

Die Erfolgsbilanz ist beeindruckend:

Unternehmen

Vorbild

Status

Zalando

Zappos

Börsennotiert (DAX), Europas größter Online-Modehändler

Delivery Hero

Grubhub/Seamless

Börsennotiert (DAX)

HelloFresh

Blue Apron

Börsennotiert (MDAX)

Home24

Wayfair

Börsennotiert (bis Übernahme)

Lazada

Amazon

Verkauft an Alibaba

CityDeal

Groupon

Verkauft an Groupon für ~126 Mio. $

Wimdu

Airbnb

Eingestellt

Rocket Internet wird zur größten Startup-Fabrik Europas – und gleichzeitig zur meistgehassten. Kritiker nennen das Modell parasitär: Keine eigene Innovation, nur Execution. Gründer aus dem Silicon Valley sprechen abfällig von "Copycats". Doch Samwer kontert kühl: "Wir sind keine Erfinder, wir sind Bäcker. Wir backen Kuchen aus drei Zutaten: Ideen, Menschen und Kapital."


Die Blitzkrieg-Email: Der Tiefpunkt

Im Dezember 2011 wird eine interne E-Mail von Oliver Samwer öffentlich, die für einen Skandal sorgt. Darin beschreibt er die Expansionsstrategie für den Online-Möbelhandel als "Blitzkrieg" und schreibt:

Die Wortwahl – ein Begriff aus dem Zweiten Weltkrieg – löst massive Kritik aus. Über 30 Mitarbeiter verlassen Rocket Internet in der Folge. Samwer entschuldigt sich öffentlich. Jahre später sagt er in einem Interview: "Ich bin erwachsen geworden."

Die Episode steht symptomatisch für die Unternehmenskultur jener Jahre: extrem kompetitiv, hierarchisch, auf Geschwindigkeit getrimmt. Ehemalige Mitarbeiter berichten von 80-Stunden-Wochen, extremem Druck und einer Kultur, in der Widerspruch nicht erwünscht war.


Börsengang und Delisting: Das stille Ende einer Ära

Am 2. Oktober 2014 geht Rocket Internet an die Frankfurter Börse – einen Tag nach dem Zalando-IPO. Der Ausgabepreis: 42,50 Euro. Doch die Euphorie hält nicht lange. Die Aktie fällt, Investoren zweifeln am Geschäftsmodell, die Pipeline an neuen "Rockets" versiegt.

Im September 2020 – fast genau sechs Jahre nach dem IPO – kündigt Oliver Samwer das Delisting an. Rocket Internet zieht sich von der Börse zurück. Das Rückkaufangebot an die Aktionäre: 18,57 Euro pro Aktie – weniger als die Hälfte des IPO-Preises. Minderheitsaktionäre sind empört, Samwer kontrolliert bereits rund 83 Prozent der Anteile.

"Es gab keinen Masterplan", sagt Samwer zum Delisting. Kritiker sehen das anders: Sie werfen ihm vor, die Bewertung bewusst gedrückt zu haben, um günstig die restlichen Anteile aufzukaufen.


Was macht Oliver Samwer heute?

Seit dem Delisting operiert Oliver Samwer weitgehend unter dem Radar. Rocket Internet existiert weiterhin als private Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Berlin – aber ohne die Sichtbarkeit der Börsenjahre.

Global Founders Capital

Der wichtigste Investmentarm ist Global Founders Capital (GFC), 2013 von Oliver und Marc Samwer gegründet. GFC verwaltete zwei Fonds mit jeweils rund einer Milliarde Dollar. Seit April 2024 investiert GFC ausschließlich aus der Rocket-Internet-Bilanz – ohne externes Kapital. Das Team wurde auf fünf Partner reduziert, darunter Oliver Samwer selbst.

Die Investmenttätigkeit ist deutlich zurückgefahren: 7 Investments in 2024, nur 3 im ersten Halbjahr 2025. Der Fokus liegt auf internationalen Frühphasen-Investments, darunter Beteiligungen in Ägypten und Südostasien.

Portfolio und Wertentwicklung

Die Bilanz des bestehenden Portfolios ist durchwachsen. Im Geschäftsjahr 2024 verbuchte Rocket Internet Abschreibungen von 551,8 Millionen Euro auf Beteiligungen – darunter Positionen in SumUp, Canva und Kalshi. Auch die börsennotierten Beteiligungen wie Westwing, United Internet und Grenke verloren an Wert.

Die größten verbliebenen Beteiligungen aus eigener Gründung – Global Fashion Group und Home24 – stehen ebenfalls unter Druck.

Der Mensch hinter dem Unternehmer

Oliver Samwer lebt mit seiner Familie in Berlin. Er tritt kaum noch öffentlich auf, gibt selten Interviews und meidet soziale Medien. Sein geschätztes Vermögen liegt bei rund 1,5 Milliarden Euro (2025). Sein Vater, Sigmar-Jürgen Samwer, war ein renommierter Kölner Anwalt für Medien- und Wettbewerbsrecht – zu seinen Mandanten zählte Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll.


Das Erbe: Was bleibt von Oliver Samwer?

Oliver Samwers Bedeutung für das deutsche Venture-Capital-Ökosystem ist unbestritten – auch wenn seine Methoden es nie waren. Was bleibt:

Die Talentschmiede: Hunderte von ehemaligen Rocket-Internet-Mitarbeitern haben eigene Startups gegründet oder führen heute Unternehmen. Die "Rocket-Mafia" ist im Berliner Ökosystem allgegenwärtig – ähnlich der PayPal-Mafia im Silicon Valley.

Das Execution-Playbook: Samwer hat bewiesen, dass man mit disziplinierter Umsetzung und aggressiver Skalierung aus kopierten Modellen Milliarden-Unternehmen bauen kann. Zalando, Delivery Hero und HelloFresh sind der lebende Beweis.

Die Kontroverse: Das Copycat-Modell hat auch gezeigt, wo die Grenzen liegen. Ohne eigene Innovation fehlt langfristig der Wettbewerbsvorteil – viele Rocket-Gründungen sind gescheitert oder wurden zu Niedrigpreisen verkauft. Wimdu, Pinspire, eDarling: die Liste der vergessenen Klone ist lang.

Die Professionalisierung: Rocket Internet hat VC-artiges Denken in die deutsche Gründerszene gebracht, bevor es ein echtes VC-Ökosystem gab. Die Idee, Startups wie am Fließband zu bauen und mit Kapital zu skalieren, war 2007 in Deutschland revolutionär.


Fazit

Oliver Samwer ist die wohl schillerndste und widersprüchlichste Figur des deutschen Venture Capitals. Er hat Milliardenwerte geschaffen, eine Generation von Gründern geprägt – und dabei Methoden eingesetzt, die bis heute polarisieren. Seit dem Rückzug von der Börse agiert er im Verborgenen, doch sein Einfluss auf das Ökosystem ist unauslöschlich.

Die Frage, ob Samwer ein Visionär oder ein besonders effizienter Kopierer war, wird die deutsche Tech-Szene noch lange beschäftigen. Die Antwort ist vermutlich: beides.