Ein Startup schafft es durch die Seed-Runde, überzeugt in der Series A – und verschwindet dann. Nicht weil das Produkt schlecht ist. Nicht weil der Markt fehlt. Sondern weil zwischen 25 und 100 Millionen Euro schlicht niemand den Scheck schreibt. Die Series-B-Lücke ist Deutschlands teuerster blinder Fleck.
Das Problem in Zahlen
Die europäische Startup-Landschaft hat ein Frühphasen-Problem gelöst, das sie jahrelang plagte. Seed-Runden sind zugänglich geworden, Series-A-Checks werden geschrieben. Doch dann kommt die Wand.
Kennzahl | Europa | USA |
|---|---|---|
Ø Series-B-Runde (2020–2024) | 35,2 Mio. USD | 45,5 Mio. USD |
Graduation Rate Seed → Series B (Climate Tech) | 15 % | 25 % |
VC-Fonds > 500 Mio. USD (seit 2020) | 11 | 29 |
VC-Fonds > 5 Mrd. USD | 0 | 50+ |
Anteil institutionelles Kapital am VC | 30 % | 72 % |
Late-Stage-Funding vs. Peak 2021 | 31 % | deutlich höher |
Quellen: Atomico State of European Tech 2025, Crunchbase, EIF Equity Survey 2025
Die Zahlen für Deutschland sehen oberflächlich besser aus als für den Rest Europas. Die durchschnittliche deutsche Series-B-Runde lag bei rund 52,7 Millionen USD – näher am US-Niveau. Aber diese Zahl täuscht. Sie wird von wenigen Mega-Runden nach oben verzerrt, während die breite Masse der Startups in einem Finanzierungsvakuum hängt.
Rund ein Drittel aller Series-A-Startups scheitert daran, eine Series B zu schliessen. In Europa liegt die Quote noch höher – und die Lücke wächst. Laut Atomico hat Europa seine Technologieunternehmen im letzten Jahrzehnt um geschätzte 375 Milliarden USD unterfinanziert. Um das Defizit nicht weiter wachsen zu lassen, bräuchte der Kontinent mindestens eine Billion USD zusätzliches Kapital in den nächsten zehn Jahren.
Anatomie der Lücke: Warum genau Series B?
Die Series B ist kein beliebiger Meilenstein. Sie markiert einen fundamentalen Regimewechsel in der Startup-Finanzierung – und genau an dieser Bruchstelle versagt das europäische Ökosystem.
Seed und Series A funktionieren in Deutschland mittlerweile. Business Angels sind aktiv, Micro-VCs schreiben Checks zwischen 500.000 und 5 Millionen Euro, und eine Handvoll starker europäischer Fonds – Cherry Ventures, Earlybird, HV Capital, Lakestar – deckt die Series A solide ab. Berlin allein absorbiert 40 % aller deutschen VC-Aktivitäten, mit einem Schwerpunkt auf Early Stage.
Ab Series B ändert sich alles:
- Die Ticketgrösse springt. Statt 10–20 Millionen brauchen Startups 30–100 Millionen Euro. In Europa gibt es weniger als 20 % aktive VC-Fonds, die überhaupt eine Growth-Strategie verfolgen.
- Die Metriken werden gnadenlos. Series-A-Investoren kaufen Potenzial. Series-B-Investoren kaufen Beweis. Sie wollen Net Revenue Retention über 120 %, klare Unit Economics und einen plausiblen Weg zur Profitabilität. Viele deutsche Startups, die mit beeindruckender Technologie überzeugen, haben zu diesem Zeitpunkt noch kein skalierbares Geschäftsmodell.
- Die Investorenbasis bricht weg. Beim Sprung von 10 auf 50 Millionen verlieren Startups ihre bisherigen Lead-Investoren, die oft nicht nachziehen können. Neue Investoren dieser Grössenordnung gibt es in Europa kaum. Bei Runden über 50 Millionen USD sind in den USA dreimal so viele aktive Investoren unterwegs wie in Europa.
- Das Zeitfenster ist brutal. Eine Series-A-Runde reicht typischerweise für 18–24 Monate Runway. Wer nach 12 Monaten nicht mit dem Fundraising beginnt, ist zu spät. Wer nach 20 Monaten keinen Lead hat, verbrennt Runway für die Suche statt für Wachstum.
Das Late-Stage-Funding in Europa lag im dritten Quartal 2024 mehr als 50 % unter dem Vorjahresniveau – während Early-Stage-Runden sich deutlich besser hielten. Die Schere geht weiter auf.
Fallbeispiele: Wenn das Geld nicht reicht
Die Series-B-Lücke ist keine Abstraktion. Sie hat Namen.
Lilium – Der 205-Millionen-Dollar-Absturz
Lilium, Münchens Vorzeige-Startup für elektrische Flugtaxis, ist das drastischste Beispiel für das, was passiert, wenn Growth Capital ausbleibt. 2024 hatte das Unternehmen noch 205 Millionen USD Cash-Reserven. Sechs Monate später: null.
Der Auslöser war nicht technisches Versagen. Lilium hatte ein funktionierendes Fluggerät. Was fehlte, war eine 50-Millionen-Euro-Bürgschaft der Bundesregierung – die Ablehnung entzog dem Unternehmen die Grundlage für eine 250-Millionen-USD-Finanzierungsrunde. Im Oktober 2024 folgte die Insolvenz. Der Aktienkurs war seit dem Nasdaq-Listing um 93 % gefallen. Im Februar 2025 scheiterte auch der Rettungsversuch durch neue Investoren.
Lilium warnte öffentlich: Ohne inländisches Growth Capital müssten deutsche Deep-Tech-Startups verkaufen – und den Standort verlassen.
Volocopter – Acht Jahre, null kommerzielle Flüge
Nur Tage nachdem Lilium temporär gerettet schien, meldete Volocopter im Dezember 2024 Insolvenz an. Seit 2017 testete das Unternehmen Fluggeräte – acht Jahre ohne kommerziellen Start. Nicht weil die Technologie nicht funktionierte, sondern weil die Brückenfinanzierung zwischen Entwicklung und Marktreife in Europa schlicht nicht existierte.
Infarm – 500 Millionen eingesammelt, trotzdem insolvent
Infarm zeigt die dunkle Seite der Finanzierungslücke aus einer anderen Perspektive. Das Berliner Vertical-Farming-Startup hatte eine halbe Milliarde USD von Investoren wie Balderton und Atomico eingesammelt, betrieb 1.400 Farmen in zehn Ländern und beschäftigte 1.000 Mitarbeitende. Die Bewertung: eine Milliarde Dollar.
Dann explodierten die Energiekosten, die Unit Economics stimmten nicht, und als die nächste Finanzierungsrunde anstand, war der Markt für Growth Capital eingefroren. 2023 ging Infarm in mehreren europäischen Märkten in die Insolvenz. Das Geld war da – aber es kam zu früh, bevor das Geschäftsmodell bewährt war, und zu spät, als es wirklich gebraucht wurde.
Gorillas – Von der Milliardenbewertung zum Ausverkauf
Gorillas, gegründet 2020 in Berlin, war der Prototyp des Hype-Startups: ultraschnelle Lebensmittellieferung, massives Wachstum, brennende Cash-Reserven. Statt einer soliden Series B auf Augenhöhe wurde Gorillas Ende 2022 vom türkischen Wettbewerber Getir zu einem massiven Discount übernommen. Im April 2024 stellte Getir den gesamten Gorillas-Betrieb ein. 1.800 Mitarbeitende verloren ihren Job. Was als deutsches Unicorn gefeiert wurde, endete als Fussnote in der Bilanz eines ausländischen Konkurrenten.
Sono Motors – Wenn die Crowd den VC ersetzen soll
Sono Motors versuchte einen anderen Weg. Als kein Growth Capital für den solarbetriebenen Familienwagen kam, wandte sich das Münchner Startup an die Crowd: 21.000 Privatpersonen investierten insgesamt 44 Millionen Euro – ein Modell, das laut Kritikern an der Grenze zur Legalität operierte. Es reichte nicht. Sono gab das Solarprojekt auf und schwenkte auf ein kapitalleichteres Geschäftsmodell um.
Der 100x-Faktor: Warum US-Investoren übernehmen
Die Wurzel der Series-B-Lücke liegt nicht im fehlenden Willen europäischer Investoren. Sie liegt in der Struktur des Kapitals selbst.
Die Pensionsfonds-Kluft ist der Elefant im Raum:
- US-Pensionsfonds investieren 1,9 % ihrer Vermögenswerte in Venture Capital.
- Europäische Pensionsfonds investieren 0,018 %.
- Das ist ein Faktor von über 100.
In den USA fliesst 72 % des VC-Kapitals aus institutionellen Quellen – Pensionsfonds, Stiftungen, Versicherungen. In Europa sind es 30 %. Stattdessen ist der European Investment Fund (EIF), eine öffentliche Institution, mit 31 % Marktanteil der grösste einzelne Kapitallieferant für europäisches Venture Capital. In den USA liegt der öffentliche Anteil bei 4 %.
Was bedeutet das konkret? Es fehlt die Kapitalbasis, um grosse Fonds aufzulegen. Während in den USA über 50 VC-Pools mit mehr als 5 Milliarden Dollar operieren, gibt es in Europa keinen einzigen. Weniger grosse Fonds bedeutet weniger grosse Checks, bedeutet weniger Series-B-Finanzierungen.
Die Konsequenz ist vorhersehbar: 60 % aller Series-A+-Runden in Deutschland enthalten internationales – meist amerikanisches – Kapital. Je grösser die Runde, desto stärker die Abhängigkeit. Bei Runden über 250 Millionen USD kommt fast die Hälfte des Kapitals von ausserhalb Europas.
Die Gewinner: Wer es trotzdem schafft – und wie
Nicht alle deutschen Startups bleiben in der Series-B-Lücke stecken. Aber die Überlebenden haben eines gemeinsam: Sie haben früh die Spielregeln gewechselt.
Celonis – Der erste deutsche Decacorn
Celonis, Münchens Process-Mining-Spezialist, umging die Lücke, indem er gar nicht erst auf europäisches Growth Capital wartete. Die Series A (27,5 Mio. USD, 2016) wurde von 83North und Accel geführt – beides internationale Fonds. Die Series B (50 Mio. USD, 2018) katapultierte Celonis zur Milliardenbewertung. Gesamtfinanzierung: 1,77 Milliarden USD. Bewertung: 13 Milliarden. Celonis ist Deutschlands erster Decacorn – finanziert fast ausschliesslich mit internationalem Kapital.
DeepL – Benchmark und Bessemer statt HV und Lakestar
DeepL, der Kölner KI-Übersetzer, zog US-Schwergewichte wie Benchmark und Bessemer Venture Partners an und erreichte eine Bewertung von 2 Milliarden USD. Die Lektion: Wer in Deutschland eine wirklich skalierbare KI-Technologie baut, kann Growth Capital anziehen – aber es kommt aus San Francisco, nicht aus Frankfurt.
Helsing – Der Defense-Tech-Ausreisser
Helsing zeigt, dass die Lücke nicht alle Sektoren gleichermassen trifft. Das Münchner Defense-Tech-Startup schloss eine Series D über 600 Millionen Euro – befeuert durch Europas geopolitische Zeitenwende und die Bereitschaft der Politik, verteidigungsrelevante Technologie zu fördern.
Das Muster ist klar: Wer die Series B in Deutschland überlebt, tut dies fast immer mit erheblichem Anteil an US-Kapital oder in einem Sektor mit starkem politischem Rückenwind. Rein europäisch finanzierte Wachstumsrunden bleiben die Ausnahme.
Politische Gegenmassnahmen: WIN-Initiative und Deutschlandfonds
Die Bundesregierung hat das Problem erkannt – zumindest auf dem Papier.
WIN-Initiative (September 2024)
Die WIN-Initiative (Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland) ist eine gemeinsame Erklärung von KfW, Bundesregierung und Privatwirtschaft. Das Ziel: rund 12 Milliarden Euro an Startup-Investitionen bis 2030 mobilisieren. Unter den Unterzeichnern: Allianz, BlackRock, Deutsche Börse, Deutsche Telekom, Bertelsmann und Henkel. Zum ersten Mal signalisieren deutsche Grosskonzerne und institutionelle Investoren eine koordinierte Bereitschaft, in heimisches Growth Capital zu investieren.
Deutschlandfonds
Der Deutschlandfonds ergänzt die WIN-Initiative mit öffentlichen Mitteln und Garantien im Umfang von rund 30 Milliarden Euro, die Gesamtinvestitionen von bis zu 130 Milliarden Euro auslösen sollen. Der Zukunftsfonds wird ab 2026 aufgestockt und verstetigt.
European Tech Champions Initiative (ETCI)
Auf europäischer Ebene zielt die ETCI darauf ab, in rund 15 Growth-Stage-Fonds zu investieren und über 20 Milliarden Euro in europäische Scale-ups zu mobilisieren.
Die grosse Frage bleibt: Reicht das? Die Lücke beträgt laut Atomico mindestens eine Billion Euro über zehn Jahre. 12 Milliarden bis 2030 sind ein Anfang – aber sie decken bestenfalls ein Prozent des Gesamtbedarfs.
Was sich ändern muss
Die Series-B-Lücke ist kein Marktversagen einzelner Startups. Sie ist ein strukturelles Defizit des europäischen Kapitalmarkts. Drei Hebel sind entscheidend:
1. Pensionsfonds öffnen
Solange europäische Pensionsfonds 100-mal weniger in Venture investieren als ihre US-Pendants, wird sich die Lücke nicht schliessen. Grossbritannien hat mit den Mansion House Reforms einen Anfang gemacht – Deutschland zögert noch. Eine Allokation von auch nur 1 % der deutschen Pensionsvermögen in Venture Capital würde Milliarden freisetzen.
2. IPO-Infrastruktur aufbauen
Über 60 % der europäischen VCs beklagen unzureichende Liquidität an europäischen Börsen. Ohne einen funktionierenden Exit-Markt fehlt Growth-Investoren die Perspektive auf Rendite. Warum sollte ein Fonds 100 Millionen in ein deutsches Scale-up stecken, wenn der wahrscheinlichste Exit ein Trade Sale an ein US-Unternehmen ist?
3. Europäische Growth-Fonds fördern
Weniger als 20 % der aktiven europäischen VC-Fonds verfolgen eine Growth-Strategie. Das liegt nicht an fehlendem Talent, sondern an fehlender Kapitalbasis. Die ETCI und der Deutschlandfonds sind richtige Ansätze – aber sie müssen in Grössenordnungen skalieren, die dem Problem angemessen sind.
Fazit
Die Series-B-Lücke ist Deutschlands teuerstes Startup-Problem – und sie wird schlimmer, nicht besser. 2024 fiel das Late-Stage-Funding in Europa um über 50 % gegenüber dem Vorjahr. Startups wie Lilium, Volocopter und Infarm sind nicht an schlechter Technologie gescheitert, sondern an einem Ökosystem, das Innovationen zwar hervorbringt, aber nicht finanzieren kann, wenn sie wachsen wollen.
Die Gewinner – Celonis, DeepL, Helsing – zeigen den einzigen derzeit funktionierenden Ausweg: internationales Kapital anziehen. Das ist eine Leistung, aber keine Lösung. Denn mit dem Kapital wandern langfristig auch Wertschöpfung, Entscheidungsgewalt und Arbeitsplätze ab.
Deutschland baut Weltklasse-Startups. Aber es finanziert sie nicht. Und solange sich das nicht ändert, bleibt die Series B der Ort, an dem deutsche Innovation stirbt – oder amerikanisch wird.
Quellen: Atomico State of European Tech 2025, Crunchbase European Funding Reports, EIF Equity Survey 2025, EY Startup Barometer Germany 2025, Dealroom, PitchBook, Sifted, Invest Europe.
